Alles Shakespeare! - Das Globe und sein Festival

Alles Shakespeare! - Das Globe und sein Festival
Foto: Christoph Krey
Alles Shakespeare! - Das Globe und sein Festival
Foto: Christoph Krey

Wer käme schon auf die Idee, dass auf einer Rennbahn nicht nur schnelle Pferde, erfolgreiche Jockeys und elegante Damen zu bestaunen sind, sondern Theatervergnügen pur einmal im Jahr Zossen und Reiter zur Nebensache werden lässt? In Neuss ist vieles bekanntlich "etwas anders". Der Besucher des großzügigen Areals in unmittelbarer Nähe der Innenstadt wird zwischen Wetthalle und Führring unter hohen Pappeln plötzlich einen eigenwilligen, zwölfeckigen Bau mit schwarz-weißen Blendläden vor kleinen Fenstern erspähen: das Globe. Seit 1991 steht das ungewöhnliche Theater - eine mehrgeschossige Konstruktion aus Holz und Stahl - an dieser Stelle. Mehr als 500 Zuschauern bietet es Platz. Unkonventionell wie das ganze Gebäude ist auch die Sitzverteilung: Im Halbrund hocken die Zuschauer dicht an dicht auf verschiedenen Ebenen, die Akteure auf der Bühne sind zum Greifen nah. Fast scheint es, als spiele selbst das Publikum seine Rolle - was in der Tat immer wieder vorkommen kann. Vor (positiven) Überraschungen ist der Gast im Neusser Globe also nie sicher. Kurz: Theater wird hier zum Erlebnis!
Das alljährlich im Frühsommer stattfindende Shakespeare-Festival, das von Kulturreferent Dr. Rainer Wiertz als künstlerischem Leiter, der Crew des Kulturamtes Neuss unter Harald Müller und großzügiger finanzieller Unterstützung des Hauptsponsors, der Sparkasse Neuss und der "Freunde des Globe" auf die Beine gestellt wird, ist einzigartig. Fans der dramatisch-turbulent-witzigen Stücke des englischen Dichters pilgern aus ganz Deutschland an den Rhein und lassen sich von der Atmosphäre inspirieren. Locker und unkompliziert geht es zu. Dafür sorgen nicht zuletzt jene Theatergruppen aus aller Herren Länder, die für rund vier Wochen von Mitte Juni bis Mitte Juli internationales Flair nach Neuss bringen. Ob aus Simbabwe, Italien und Frankreich, der Schweiz, den USA und - natürlich - Großbritannien: Ensembles wie "Over the edge", "Compagnie Casalibus" oder "The Watermill Theatre" machen allein schon durch den Klang ihres Namens neugierig. Was die wohl auf die Bühne zaubern werden?
Phantasie ist gefragt, denn oft verzichten die Regisseure dabei auf aufwendige Kulissen. Vielmehr ist in bestem Shakespeare'schen Sinne die Kunst der Schauspieler das Maß aller Dinge. Ihre Sprache, Mimik, Gestik und (dezente) Kostümierung, das effektvoll eingesetzte Licht und nicht zuletzt der Theaterraum in seiner herausfordernden Schlichtheit an sich verbinden sich zu dem, was als "typisch Globe" bezeichnet werden könnte. Spotlights an! Ob Romeo and Juliet, Romeo et Juliette oder Romeo e Giulietta - in welcher Sprache klingen die Schwüre der beiden Liebenden wohl am schönsten? Vielleicht auf Deutsch, denn selbstredend gehören auch Ensembles aus der Bundesrepublik zum festen Kreis der "Globe-Erprobten". Geradezu legendär sind die Auftritte der Bremer Shakespeare Company, mit der eigentlich alles begann. Ein Festival, das sich indes nicht nur auf die Bühne beschränkt, sondern auch im einladenden
(Shakes-)Biergarten oder in der zu einer wahren Traumwelt in flackerndem Kerzenschein umfunktionierten Wetthalle tobt, wo Schauspieler, die Neusser Theatermacher und Gäste oft bis spät in die Nacht fröhlich zechen. Nicht anders dürfte es vor gut 400 Jahren im elisabethanischen London gewesen sein: Im "Wooden O", dem Globe-Theater Shakespeares, ergänzten Speis und Trank den Augenschmaus und Hörgenuss ganz selbstverständlich.

Simon Hopf