Ein Festival auf der englischen Bretterbühne (in german)

Ein Festival auf der englischen Bretterbühne (in german)
A Midsummer Night's Dream©Nobby Clark
Ein Festival auf der englischen Bretterbühne (in german)
Foto:Christoph Krey
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Ein Festival auf der englischen Bretterbühne (in german)
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"Die Unvollkommenheit der englischen Bretterbühne ist uns durch kenntnisreiche Männer vor Augen gestellt. Es ist keine Spur von der Natürlichkeitsforderung, in die wir nach und nach durch Verbesserung der Maschinerie und der perspektivischen Kunst und der Garderobe hineingewachsen sind und von wo man uns wohl schwerlich in jene Kindheit der Anfänge wiederzurückführen dürfte: vor ein Gerüste, wo man wenig sah, wo alles nur bedeutete, wo sich das Publikum gefallen ließ, hinter einem grünem Vorhang das Zimmer des Königs anzunehmen, den Trompeter, der an einer gewissen Stelle immer trompetete, und was dergleichen mehr ist. Wer will sich nun gegenwärtig so etwas zumuten lassen?"

Heute, 180 Jahre, nachdem Goethe 1816 am Ende seines klarsichtigen und ansonsten Shakespeare sehr positiv bewertenden dreiteiligen Aufsatzes mit dem Titel "Shakespeare und kein Ende" das elisabethanische Theater als "Gerüst" und unvollkommene "englische Bretterbühne" bezeichnete, sind die Chancen für eine freundlichere Bewertung der damaligen Bühnenpraxis zumindest für das Globe wieder gestiegen - erlaubt doch der dank fehlender "Maschinerie" und "perspektivischer Kunst" (also Bühnentechnik und Bühnenmalerei) unverstellte Blick dorthin, "wo alles nur bedeutete", eine Erfahrung von intelligenter Selbstbeschränkung, nach welcher - misst man es am Erfolg des Shakespeare Festivals im Globe Neuss - offensichtlich ein gewisses Bedürfnis besteht. Das nimmt nicht weiter wunder, denn die nicht mehr fassbare Informations- und Bilderflut unserer Epoche, die wir Kommunikations- und Mediengesellschaft zu nennen uns angewöhnt haben, manövriert das Subjekt in eine gehörige Krise der Wahrnehmung, in der die vermittelte Wirklichkeit oft realer erscheint als die Realität selbst. Der farbige Abglanz des Lebens, der Ausstellungskatalog, das Foto, das Video, der Film, wollen das Leben, die Kunst und die Erinnerung im Herzen ersetzen, indem sie oft "perfekter" daherkommen als das Original oder das authentische Erlebnis. Kinder, die den Bundeskanzler sehen, berichten anschließend, er habe ganz anders ausgesehen als in der "Wirklichkeit", die sie als mediatisierte z.B. im Fernsehen für wahr genommen hatten; war früher der Literaturfreund von einer Verfilmung fast grundsätzlich enttäuscht, so gibt es heute "das Buch zum Film".

Anders im Theater. Die Bühne des Globe, die uns gegen den Willen Goethes zurückführt "in jene Kindheit der Anfänge", bietet dem jedes Jahr im Juni auf die Rennbahn strömenden Publikum durch die unerhörte Nähe des Dargebotenen offenbar Haltepunkte eines als authentisch und unverfälscht empfundenen Daseins. Das ernst-heitere Wechselspiel von Schein und Sein, das dem Theater überhaupt und somit auch Shakespeare eignet, fokussiert Blick und Wahrnehmung: "Wir erfahren die Wahrheit, und wissen nicht wie" beschreibt Goethe im selben Aufsatz die Macht der Einbildungskraft, auf die Shakespeare bei seinen Zuschauern vertraut. Dabei korrespondiert die Einfachheit der Mittel mit der gezielten Wiederkehr der Grundelemente menschlichen Daseins in seinen Stücken: Liebe und Freundschaft, Hass und Neid, Tugend und Hochherzigkeit, Eifersucht und Mord. Der böse Intrigant, die verfolgte Unschuld, der gehörnte Ehemann, die Schlechten und die Guten, alle bevölkern sie diese Bühne, die Mächtigen, die Kleinen, das "natürliche" Volk, und die übernatürlichen Feen und Gespenster, und doch sind es sich entwickelnde Charaktere, keine Typen. Oft verwandelt sich die kleine Bühne des Globe im Festival zu einem Schauplatz, an dem sich der scheinbar entzauberte Mythos selbst ausspricht und in seiner Apräsenz das Publikum entführt in jenen wunderbaren Schwebezustand zwischen Schein und Sein, in dem Erkenntnis und Selbsterkenntnis sich im Thomas Mannschen "Erkenntnisschauder" eher erahnen und erspüren lassen, als dass sie sich konkret festmachen ließen.

Dieses zarte, aber ungeheuer widerstandsfähige Band des Spiels mit Wirklichkeit und Möglichkeit zu zerstören, gelingt glücklicherweise relativ wenigen Regisseuren. Shakespeares Stücke, wie verfremdet auch immer, halten so manches aus. Noch in der eigenwilligsten Übersetzung, der entlegensten Bearbeitung, der radikalsten Reduzierung finden sich nicht nur die unauslöschlichen Spuren seines Werks, sondern manchmal sogar aufregende neue Erkenntnisse. So hat man im Festival die Not des alten Lear und die Bösartigkeit seiner Umgebung vielleicht lange nicht so intensiv erlebt wie in der in indischem Katakali vertanzten Version von Annette Leday. In lebhafter Erinnerung bleiben weiterhin der "Othello" und "Romeo und Julia" des Roma Pralipe Theaters, die "Storia di Romeo e Giulietta" des Laboratorio Teatro Settimo Torinese, "Das Wintermärchen" des TAB, der "Straßenhamlet" der Truppe Nossa Cara aus Brasilien sowie die Aufführung des Théâtre le Ranelagh aus Paris, in der eine frühe italienische Vorlage für "Romeo und Julia" in 15 pantomimischen Clownsbildern vorgestellt wurde. Weitere Höhepunkte der seit 1991 über die Globebühne gegangenen Inszenierungen sind, um nur etwas zu nennen, Purcells Halbopern "The Tempest" und "The Fairy Queen", die das Rheinische Landestheater zusammen mit der Capella Piccola, Orchester, Solisten und Schauspielern erarbeitete. Der Renner waren und sind die englischsprachigen Aufführungen, in denen sich der Originaltext erleben lässt, sowie die Gastspiele der bremer shakespeare company, die in ihren zwischen poetischer Intensität und derbem Volkstheater austarierten Inszenierungen das Publikum zu begeistern weiß und überdies mit den sparsamsten Mitteln die lebendige Kraft des elisabethanischen Theaters beweist. Die bremer verdeutlichen so auch die kaufmännischen und publikumsbezogenen Implikationen bei Shakespeare und seinem Theater. Auch Patrick Spottiswoode vom Londoner Globe, das in diesen Monaten seiner Vollendung entgegenreift, belegt diese in seinen akklamierten Lectures, die ihn zu einem heimlichen Star des Festivals gemacht haben. Undenkbar, dass einer von ihnen das Statement unterschriebe, das sich in einem in der "Deutschen Bühne" (August 1996) veröffentlichen Gespräch mit dem litauischen Regisseur Eimuntas Nekrosius finden ließ, der zum diesjährigen "Theater der Welt" nach Dresden eingeladen war:

Frage: "Ist der Erfolg für Sie wichtig?"
Nekrosius: "Nein. Ob dem Zuschauer eine Aufführung gefällt, interessiert mich nicht. Geht er, ist der Saal eben leer. Ich bin da und die Bühne. Die Kunst ist nur Selbstausdruck. Sie dient nur dem eigenen Vergnügen, der eigenen Befriedigung. Die Rede, die Kunst habe dem Volk zu dienen, moralischen Nutzen oder Vergnügen zu spenden, ist einfach nicht wahr. Jeder Künstler spricht nur von sich. Egoistisch."

Solche Maxime, nicht nur den Zusammenhang zwischen Bühne und ästhetischer Wahrnehmung des Publikums als Konstituens von Theater überhaupt radikal verkennend, sondern auch die Kanonen aller Sparapostel und Subventionsgegner mit Zündstoff fütternd, hätte das Shakespeare Festival im Globe Neuss längst in den Ruin geführt. Denn, abgesehen von der Frage, ob diese Auffassung überhaupt die "besseren" künstlerischen Ergebnisse zeitigt, kann das Shakespeare Festival dank des regen Publikumszuspruches bislang ohne nennenswerte öffentliche Subventionen auskommen. Die Freunde des Globe tragen maßgeblich dazu bei, dass ein Shakespeare Festival mit ausgesuchten deutschen und internationalen Inszenierungen zur Freude und zum Nutzen des zahlreichen und zahlenden Publikums durchgeführt werden kann. Globe und Shakespeare - eine damals wie heute glückhafte Konstellation. (Rainer Wiertz)